Das Projekt „Nachhaltige Schülergenossenschaften in Niedersachen”

Im Jahr 2006 wurde ein Arbeitskreis aus Vertretern des Genossenschaftsverbandes Norddeutschland (GVN), dem Transfer-Programm 21 Niedersachsen sowie der Fachhochschule Frankfurt/Main gebildet, um ein Konzept für nachhaltige Schülergenossenschaften zu entwickeln. Das Konzept basierte auf den Erfahrungen der nachhaltigen Schülerfirmen in Niedersachsen sowie der Konzeption der Schülergenossenschaften auf Basis von geno@school der Fachhochschule Frankfurt/Main. Diese beiden Konzepte wurden praxisorientiert zusammengeführt und um ein Evaluationsverfahren ergänzt.

Im September 2006 konnte das Pilotprojekt „Nachhaltige Schülergenossenschaften in Niedersachsen“ als 2-jähriger Modellversuch starten. Teilgenommen an diesem bislang deutschlandweit einzigartigen Modellprojekt haben 11 bisher ausschließlich nachhaltige Schülerfirmen aus allen Regionen Niedersachsens, und zwar schulformübergreifend aus allen Schulformen der Sekundarstufen I und II (Förderschule, Hauptschule, Realschule, Gymnasium, IGS und Berufsbildende Schulen), die sich als Schülerfirma zu nachhaltigen Schülergenossenschaften weiterentwickeln wollten.

Bei der Abschlussveranstaltung der Pilotphase im Juni 2008 wurde das Projekt dann vom Vorsitzenden der deutschen Unesco-Kommission, dem damaligen niedersächsischen Wirtschaftsminister Walter Hirche in Anwesenheit aller beteiligten Schülergenossenschaften als offizielles Projekt der Dekade der Vereinten Nationen zur Bildung für nachhaltige Entwicklung 2005 – 2014 ausgezeichnet. Vor dem Hintergrund der guten Ergebnisse in den nachhaltigen Schülergenossenschaften und den positiven Resultaten der Abschlussevaluation verkündeten die damalige Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann gemeinsam mit den Vorständen der Genossenschaftsverbände in Niedersachsen am 1. Juli 2009 eine auf weitere vier Jahre angelegte Kooperation zur Gründung von 50 Nachhaltigen Schülergenossenschaften bis Ende 2012.

Die damalige Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann unterzeichnete gemeinsam mit den Verbandsdirektoren Rainer Backenköhler (sitzend, l.) vom Genossenschaftsverband Weser-Ems e.V. (GVWE), Oldenburg, und Michael Bockelmann (sitzend, r.) vom Genossenschaftsverband e.V., (GV), Hannover, im Beisein der Projektkoordinatoren (stehend v. l.) GVWE-Abteilungsleiter Harald Lesch, Norbert Klüh vom Niedersächsischen Kultusministerium, und GV-Abteilungsleiter Joachim Prahst Hannover, die Kooperationsvereinbarung.

Genossenschaftliche Zusammenarbeit zwischen Schülern, Schule und Genossenschaftsverband

Die Genossenschaftsidee steht für die soziale und demokratische Entscheidungsfindung, Solidarität und die gleichberechtigte Förderung aller Mitglieder, Mitsprache und Mitentscheidung. Die erwirtschafteten Erlöse kommen der Gemeinschaft aller beteiligten Mitglieder zugute. Es zählt der Membership Value (Förderung der Mitglieder), nicht der Shareholder Value (Gewinnmaximierung und Erhöhung der Eigenkapitalrendite).

Eine gute genossenschaftliche Zusammenarbeit setzt wirtschaftliches Denken, strategisches Planen und verantwortungsvolles Entscheiden im Sinne der Gemeinschaft voraus. Um dies gewährleisten zu können, müssen reale Bedingungen herrschen. Der Verband unterstützt die Schülergenossenschaften durch Gründungs- und Unternehmensberatung vor Ort und erstellt nach der Gründungsprüfung ein Gutachten mit beratenden Hinweisen. Nach dem Ende des Geschäftsjahres stellt die Genossenschaft eine Jahresergebnisrechnung auf, die anschließend durch den GV geprüft wird. Diese Dienstleistungen bietet der GV für die Schülergenossenschaften zum Nulltarif an. Die Schülerfirmen in der „Quasi“- Rechtsform einer Genossenschaft werden dazu intern in einem Schülergenossenschaftsregister beim GV geführt. Die innere Struktur einer Schülergenossenschaft gleicht einer normalen Genossenschaft, dessen Rechtsgrundlage eine Satzung ist und dessen wichtigste Organe die General- oder Mitgliederversammlung, der Vorstand und der Aufsichtsrat (alle drei natürlich mit Schülern als Mitglieder) sind. Jedes Mitglied erwirbt mindestens einen Geschäftsanteil und hat damit bei Abstimmungen in der Mitgliederversammlung eine Stimme.

Die Prüfer und Berater des Verbandes unterstützen die Schüler und betreuenden Lehrer in allen genossenschaftlichen/kaufmännischen Fragen. Mehrtägige Fortbildungsveranstaltungen für Lehrkräfte als Betreuer der Schülergenossenschaften und für Schüler u.a. zum Thema Buchführung haben während der Projektlaufzeit in den niedersächsischen Genossenschaftsakademien stattgefunden. Zudem wurden Lehrkräfte, die MultiplikatorInnen für nachhaltige Schülerfirmen, als offizielle Berater ausgebildet und zertifiziert.

Nachhaltigkeit und Genossenschaftlichkeit gehören zusammen

Die oberste Arbeitshypothese für dieses Projekt heißt: Nachhaltigkeit und genossenschaftliches Arbeiten gehen gut zusammen. Das realitätsnahe, gemeinschaftliche Arbeiten in einer nachhaltigen Schülergenossenschaft bietet SchülerInnen aller Schulformen wichtige Lernerfahrungen.

Die projektbegleitende Evaluierung hat festgestellt, dass Schüler in nachhaltigen Schülergenossenschaften sich selbst organisieren, Schwierigkeiten überwinden und gesellschaftliche und berufliche Bezüge herstellen. Weiterhin wurde evaluiert, ob die gestellten Lern- und Lehrmaterialien und Methoden ihren Ansprüchen gerecht werden. Bestätigt wurde auch die Nachhaltigkeit der genossenschaftlichen Firmenarbeit und es zeigte sich bei allen beteiligten Schultypen, dass die Arbeit in Schülerfirmen selbstgesteuertes Lernen fördert. Dabei nahm die aktive Rolle des Lehrers eine Art Moderatoren- und Assistententätigkeit an. Die Lehrer bestätigten den teilnehmenden Schülern durchweg gute Zuwächse in den personalen Fähigkeiten (insbesondere Selbstständigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Teamgeist), wie auch in den methodischen und sozialen Kompetenzen (wie Planung, vorausschauendes Denken, Zielfindung, Verhandlungen mit Lieferanten/Kunden und Konfliktlösung). Durch das selbstständige und verantwortungsvolle Zusammenarbeiten in einer Schülerfirma resultiert in der Regel eine hohe Eigenmotivation, ein Bezug zwischen Theoriewissen in verschiedenen Fächern und einschlägigen Handlungskompetenzen sowie eine Erweiterung kommunikativer und fachlicher Fähigkeiten. Der Außenkontakt verankert ökonomisches Basiswissen und vernetztes Denken anhand lebensnaher Projekte: Umgang mit Geld, Kennenlernen verschiedener Berufe, Marketing, Organisations- und Weisungsstrukturen, Arbeitsabläufe, etc. Von Lehrern und Schülern besonders geschätzt sind die freiwillige Arbeit in der Gruppe und die Praxisnähe, welche die Selbst- und Fremdwahrnehmung verbessern. Die daraus resultierende Eigenmotivation und der Spaß an der Arbeit bilden die Basis für den Lernerfolg.

Genossenschaftliche Kooperation ist nachgewiesenermaßen ein wichtiger Weg, kleine und mittelständische Unternehmen im Markt zu halten, die die meisten Arbeitsplätze bundesweit bereitstellen und die am stärksten unter Globalisierung, Marktmachtgefälle und Nachfolger-Problemen leiden. Im Energiebereich sind Genossenschaften inzwischen eine nicht mehr wegzudenkende Größe und auch in kommunalen Diensten findet man sie heute. Gerade beginnen die freie Wohlfahrtspflege und der Gesundheitssektor die genossenschaftliche Organisationsform zu entdecken, was sicherlich nicht ganz unabhängig ist von den gegenwärtigen Reformen in diesen Sektoren. Aber noch mangelt es allenthalben an so genannten genossenschaftlichen Promotoren, also Menschen, die die genossenschaftliche Organisationsform noch gut genug kennen, um eine entsprechende Gründungsidee genossenschaftlich anzugehen. Die Kooperationspartner, die sich hier zusammengefunden haben, fänden es einfach schön, wenn junge Menschen schon früh in ihrer beruflichen Laufbahn sagen könnten: „Hey, ich hab’ da mal in einer Schülergenossenschaft mitgearbeitet. Könnten wir unsere Marktsituation, unsere Arbeitssituation, unser Beschaffungsproblem nicht durch Kooperation mit anderen lösen? Wie wäre es mit einer Genossenschaft?“

Anders als bei einigen anderen Fördersystemen für Schülerfirmen soll der jeweiligen Schule in jedem Falle die Freiheit bleiben, eigene genossenschaftliche Förderzwecke zu definieren und damit sowohl die Nachhaltigkeit und die wirtschaftliche Basis als auch die Solidarität der Schulgemeinde zu stärken und zu nähren. Was zählt ist, dass der eigentliche Zweck aller pädagogischen Bemühungen erfüllt wird: Jungen Menschen Selbstvertrauen, Handlungs-, Gestaltungs- und Sozialkompetenzen mitzugeben sowie jenes Wissen, das sie für ihr Leben lernbereit, kreativ und sozial verantwortlich werden lässt.